DIE UNGELIEBTEN SIEDER

Der älteste Explosivstoff ist das Schwarzpulver. Es besteht zum größten Teil aus Kaliumnitrat (Salpeter), einer Stickstoffverbindung. Hinzu kommen Kohle und Schwefel. Um an den Salpeter zu gelangen, reiste im 17. und 18. Jahrhundert der Salpetersieder (Salpeterer) mit Vollmacht der Landesherren von Hof zu Hof und kratzte den ausgeblühten Mauersalpeter von den Wänden der Stallungen. Zudem hatte er das Recht, die Böden der Ställe und Wohnhäuser aufzubrechen und die salpeterhaltige Erde mitzunehmen. Zwar waren die Salpeterer verpflichtet, alle Beschädigungen zu reparieren, aber kamen sie dieser Pflicht auch immer nach? Oft wird von Streit berichtet. Niemand freute sich, wenn sie auftauchten.

Der Salpeter wurde aus der Erde aufwendig ausgewaschen, mithilfe von Pflanzenasche umgesetzt und anschließend gereinigt. Dann wurde er in Säcke oder Fässer gefüllt und zum Sammelposten in die Residenzstadt gebracht. Mit dem indischen Salpeterhandel und mit der Entdeckung des Chilesalpeters Anfang des 19. Jahrhunderts verlor der Beruf des Salpetersieders an Bedeutung.

ANLEITUNG ZUM AUSKOCHEN DES SALPETERS AUS STALLERDE

Um an den Salpeter zu gelangen, wurde in den Ställen gegrabene Erde mit etwas Pflanzenasche (Kaliumcarbonat) gemischt, in ein großes Fass geschaufelt und mit heißem Wasser übergossen. Das Wasser sickerte dann durch die Erde und löste dabei den Salpeter. Die braune Brühe zapfte der Salpeterer unten ab. Sie wurde geklärt, indem man Eiklar hineinmischte, das die Verunreinigungen an sich zog. Dann ließ man den Salpeter auskristallisieren.

VOM MAUERSALPETER ZUM KALIUMNITRAT

Für Schießpulver ist besonders gut Kaliumnitrat geeignet, weil es, anders als die anderen Salpetersorten, nicht dazu neigt, Wasser zu ziehen. In der Stallerde liegt aber vor allem Mauersalpeter (Calciumnitrat) vor. Indem die Salpeterer ihre Erde mit Pflanzenasche (Kaliumcarbonat) mischten und diese Mischung wässerten, erhielten sie den gewünschten Stoff. Die Salpeterer glaubten, dass die zugesetzte Pflanzenasche den Salpeter reinigt, weil Pflanzenasche auch sonst als Reinigungsmittel verwandt wurde. Tatsächlich aber setzt sich in den Bottichen Calciumnitrat (Mauersalpeter) mit Kaliumcarbonat (Pflanzenasche) zu Kaliumnitrat (schießpulvergeeignetem Salpeter) und Calciumcarbonat (schwerlöslichem Kalk) um.

DIE SALPETERGÄRTEN

Weil Salpeter ein Produkt von Bakterien ist, kann man die Salpeterernte erhöhen, indem man die Bakterien füttert. Seit dem Mittelalter, ohne etwas von Bakterien zu ahnen, legten die Menschen Salpetergärten an. Tierische Abfälle (Kot, Urin und Blut) wurden mit kalkhaltigen Erden, sowie Erde von Friedhöfen und Schlachthöfen und mit Kalk, Schutt und Asche in Gruben gefüllt oder zu Haufen geschichtet, überdacht und ab und zu mit Jauche oder Urin begossen. Durch die Zersetzung bildete sich nach ein bis zwei Jahren so viel Salpeter, dass er aus der Erde ausgewaschen werden konnte. Das Verfahren war aber aufwändig und teuer: die meisten Salpeterer zogen deshalb lieber von Dorf zu Dorf, um Stallerde zu graben.

KÖNIGSWASSER

Reine Salpetersäure hieß bei den Alchemisten Scheidewasser, weil sie Silber und Kupfer, aber kein Gold löst. Mit ihr konnte man Metallgemische und Legierungen trennen (scheiden). Königswasser ist eine Mischung von konzentrierter Salpetersäure mit konzentrierter Salzsäure. Die Alchemisten stellten dieses Königswasser folgendermaßen her: Sie mischten Ton mit Kochsalz, formten Kügelchen aus dem Gemisch und glühten diese: Es bildete sich Salzsäure, der „spiritus salis“. Wenn man Salpeter in Tonscherben glüht, erhält man den „spiritusnitri“, Salpetersäure. Beides gemischt ergibt Königswasser – das in der Lage ist, sogar Gold aufzulösen.

DER KALTE DRACHE

In einem um 1600 erschienenen alchemistischen Traktat des Basilius Valentinus wird der Adept angewiesen, den „kalten Drachen / so seine wohnung in den Steinfelsen lange Zeit gehabt / und in den Speluncken der Erden sich aus und einschleifft“ herzunehmen und auf den „hellischen Stuhl“ zu setzen. Gemeint ist der Mauersalpeter, den man erhitzen soll, um Salpetersäure zu gewinnen.

Warum wird das Salz als kalter Drache bezeichnet? Weil es sich zum einen an kühlen, schattigen Mauern bildet, und zum anderen, weil das Salz, obwohl es an kalten Orten gefunden wird, dennoch in der Lage ist, ein Feuer kräftig auflodern zu lassen. Schließlich lässt sich aus dem Salz Salpetersäure (Scheidewasser) gewinnen, eine ätzende, rauchende Flüssigkeit, die selbst Kupfer mit drachenhaftem Appetit „verschlingt“.

JOHANN RUDOLPH GLAUBER

Der Alchemist Glauber (1604-1670) war vom Salpeter begeistert und hat ihn in seinen Werken auf eine Weise beschrieben, die aus heutiger Sicht visionär klingt:„Dieweilen aber allhier gehöret / daß der Salpeter in allen Dingen / als Kräutern / Höltzern / vierfüssigen und kriechenden Thieren / auch Vögeln in der Lufft / und Fische in den Wässern / wie auch in allen Elementen / als Erden / Wasser / Lufft und Feuer begriffen / so ist er der wahre Spiritus Mundiuniversalis, ohne welchen nichts leben noch seynkan: Er ist ein Gebährer und Zerstörer aller Dingen / in ihm ist alles in allem / welches ich mit dem uralten PhilosophoHermeteTrismegisto in meinem MiraculoMundi bewiesen.“ Diese Vision wird von der modernen Wissenschaft in allen Einzelheiten bestätigt, nur müsste man statt Salpeter etwas allgemeiner Stickstoff schreiben.