EINE ERFINDUNG; DIE DEN PLANETEN VERÄNDERT

Das Haber-Bosch-Verfahren wurde als wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts bezeichnet, wichtiger als Computer, Fernseher, Mobiltelefon und Kernenergie. Denn ohne dieses Verfahren könnten 40 % der heute lebenden Menschen nicht ernährt werden. Im Jahr 1900 lebten auf der Erde 1,6 Milliarden Menschen, heute sind es 7 Milliarden. Im Jahr 1900 ernährte 1 Hektar Land (100x100 Meter) nicht einmal 2 Menschen, heute können 4,3 von den Erträgen leben, und dies ist zum größten Teil ein Resultat der Stickstoffdüngung. Müssten wir von heute auf morgen auf die Formen von Landwirtschaft umstellen, die um 1900 in Gebrauch waren, käme es zu Hungersnöten ungeheuren Ausmaßes und in der Folge zu gewaltigen Unruhen und Kriegen.

Durch den Kunstdünger konnte das Problem der ungleichen Verteilung von Nahrung nicht gelöst werden, auch wenn in den Jahren zwischen 1965 bis 2000 im Zuge der sogenannten Grünen Revolution die Nahrungsmittelproduktion weltweit verdoppelt hat. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche vergrößerte sich, meist auf Kosten der Urwälder.

Heute wird an Land ebenso viel Luftstickstoff durch das Haber-Bosch-Verfahren wie durch natürliche Prozesse in reaktiven Stickstoff umgewandelt. Dünger hat beträchtliche Nebenwirkungen, weil fast immer viel mehr auf die Felder gekippt wird, als die Pflanzen brauchen. Über das Grundwasser gelangt er in Flüsse und schließlich ins Meer. Dort düngt er weiter, aber das Ergebnis ist wenig erfreulich. Der Mississippi zum Beispiel führt heute die vierfache Stickstoffmenge wie 1900. Im Golf von Mexiko kommt es deshalb jedes Jahr zu großen Algenblüten, die auch auf Satellitenbildern sichtbar sind. Auch in der Ostsee kommt es oft zu Algenblüten, wie auf dem Satellitenbild zu sehen ist. Nicht nur der reaktive Stickstoff, auch das Phosphat, das im Kunstdünger ebenfalls enthalten ist, sind dafür verantwortlich. Die Algen vergiften das Wasser und entziehen ihm, wenn sie sterben, Sauerstoff. Tote Zonen entstehen im Meer. Neben der Überfischung ist die Überdüngung (Eutrophierung) die größte Bedrohung für Ökosysteme in Seen, Flüssen und im Meer. Wenn der Dünger abgebaut wird, entsteht zudem Lachgas, das zur Klimaerwärmung beiträgt.

Wenn aus den gut gedüngten Feldern Nitrat ins Grundwasser und von dort in die Brunnen gelangt, kann dieses Wasser schwerwiegende Krankheiten auslösen, vor allem bei Säuglingen, aber auch bei Erwachsenen mit geschädigter Darmflora. 

DÜNGER AUS DER LUFT

Auch aus Automotoren und Kraftwerken, sogar aus ganz normalen Gasboilern kommt reaktiver Stickstoff. Denn bei hohen Temperaturen verbinden sich Stickstoff und Sauerstoff zu Stickoxiden. Besonders im Winter kann man den süßlichen Geruch der gesundheitsschädlichen Stickoxide deutlich riechen, wenn auf der Straße ein Auto vorbeifährt.

GELBFLECHTEN

Gelbflechten sind bei uns inzwischen sehr häufig. Sie zeigen an, dass viel reaktiver Stickstoff in der Luft ist. Die Luft enthält dann winzige, schwebende Kristalle und Tröpfchen von Stickstoffverbindungen, zum Beispiel Ammoniumnitrat. Dieser schwebende Dünger gelangt durch die düngende Landwirtschaft in die Luft, aber auch durch das Verbrennen von Heizöl oder Kohle und auch durch den Autoverkehr. Denn bei hohen Temperaturen verbindet sich der Luftsauerstoff mit dem Luftstickstoff zu Stickoxid. So senken sich in Deutschland aus der Luft pro Jahr etwa 30 Kilogramm reaktiven Stickstoffs auf jeden Hektar Land, auch dort, wo gar keine Landwirtschaft betrieben wird. Viele Ökosysteme, zum Beispiel Moore oder Heiden, vertragen diesen Dünger schlecht. Seltene Pflanzen werden durch Arten verdrängt, die den Dünger aus der Luft besser nutzen, um sich auszubreiten.

SOJAERNTE IN BRASILIEN

Kunstdünger hat es uns Menschen ermöglicht, auch dort zu ackern, wo zuvor niemand ernten konnte, weil die Böden zu nährstoffarm sind, zum Beispiel in Moorlandsschaften oder in den Gebieten des tropischen Regenwaldes. Das geht auf Kosten der Natur. Heute werden täglich in Afrika, in Südostasien und Lateinamerika große Flächen tropischer Regenwälder und Savannen abgebrannt oder gerodet, um Platz für Ackerfläche zu schaffen. Zwischen dem Jahr 2000 und 2006 gingen allein in Amazonien jedes Jahr Regenwaldflächen von der Größe Hessens (21.000 Quadratkilometer) durch Kahlschlag verloren, meist, um dem Sojaanbau Platz zu machen. Auf politischen Druck vieler Gruppen wurde das Tempo der Entwaldung inzwischen gedrosselt.