SALPETER SEGELT UM DIE WELT

An der Westküste Südamerikas wurden Anfang des 19. Jahrhundert reichhaltige Vorkommen an „Chilesalpeter“ (Natriumnitrat) in einem wüstenartigen Gebiet entdeckt. Sofort war das Interesse der Europäer geweckt, denn mit diesem Chilesalpeter ließen sich ungeheure Mengen Mineraldünger, Sprengstoff und Munition herstellen. Der Stoff wurde in großen Mengen exportiert. Dabei wurden meist Großsegler eingesetzt, die für die lange und gefährliche Strecke, die um Kap Hoorn herumführte, zwischen 80 und 100 Tagen brauchten. Nicht selten kam es dabei zu Unfällen, denn schon wenige Funken aus einer Seemannspfeife konnten gewaltige Brände auslösen, die kaum zu löschen waren.

Die Vorkommen in Südamerika waren von so großer Bedeutung, dass die Länder Chile, Peru und Bolivien im Streit um die Abbaugebietevon 1879 bis 1884 einen erbitterten Krieg führten. Der Krieg endete mit der Niederlage Perus und Boliviens. Bolivien hat seither keinen Zugang mehr zum Meer. Das Land will sich damit jedoch nicht abfinden und unterhält bis heute eine Flotte, die auf dem Titicacasee stationiert ist.

CHILESALPETER

Die salpeterhaltigen Schichten (Caliche) wurden freigesprengt, dann kleingeschlagen und transportiert. Der aufbereitete Salpeter wurde von verschiedenen Häfen entlang der chilenischen Küste vor allem nach Europa exportiert. 

SALPETER AUS OSTINDIEN

In Teilen Ostindiens reichert sich Salpeter in der Erde an. Das Klima ist warm und feucht, das gefällt den Mikroorganismen. Besonders die Gegend um Bihar war ein wichtiges Produktionsgebiet. Verlassene Siedlungen und auch alte Friedhöfe bargen dort besonders salpeterreiche Erde. Salpeter wurde von einer sehr armen Kaste, den Nuniah, aus Erde gewonnen. Von der Region Biharaus deckte England seinen Salpeterbedarf, den es permanent für seine Kriege benötigte und handelte auch gewinnbringend mit dem begehrten Stoff.

KÜHLEN MIT SALPETER

Kaiser Akbar (1542-1605), der wohl bedeutendste indische Herrscher der vorkolonialen Zeit, trank gereinigtes Gangeswasser, das durch eine Salpeterlösung gekühlt wurde. Auch heute noch wird Salpeter im medizinischen Bereich für Kühlzwecke verwandt.

TOD DEN TYRANNEN!

Die meisten europäischen Nationen importierten den Salpeter, den sie für ihre vielen Kriege brauchten, aus Indien. Mit dem Pariser Frieden 1753 zwischen England und Frankreich verlor Frankreich neben seinem nordamerikanischen Kolonialbesitz jedoch seine indischen Besitzungen. Nun musste der Salpeter im eigenen Land hergestellt werden. Berühmte Chemiker wie Antoine Lavoisier suchten nach neuen Zugängen zu dem Stoff und fanden zumindest viele Methoden, den Salpeter besser zu reinigen und effizienter herzustellen.
Als Österreich, Preußen und England 1793 den Salpeternachschub für das revolutionäre Frankreich blockierten, wurde überall in Frankreich tonnenweise Erde gekocht und aus dem Sud Salpeter bereitet. Nur so konnte der Munitionsnachschub für die Revolutionsarmee gesichert werden.

ANTOINE LAURENT DE LAVOISIER

Antoine Lavoisier (1743-1794) gilt als Vater der modernen Chemie. Er zeigte, dass Sauerstoff für die Verbrennung nötig ist, wies nach, dass Wasser eine Verbindung ist, entdeckte, dass Diamanten aus Kohlenstoff bestehen und entwickelte die erste systematische Benennungsmethode für chemische Stoffe, die sich weltweit durchsetzte und in den Grundzügen heute noch in Gebrauch ist. Lavoisier gehörte zur französischen Oberschicht, er war im vorrevolutionären Frankreich ein reicher Steuerpächter und einige Jahre zuständig für das Salpeter- und Schießpulverwesen. Auch dem revolutionären Frankreich bot Lavoisier seine Dienste an und wollte etwa die Produktion von Salpeter und Schießpulver weiter verbessern. Doch seine frühere Tätigkeit für das Establishment holte ihn ein und er wurde 1794 zum Tode verurteilt. Der Mathematiker Louis Lagrange sagte am Nachmittag der Hinrichtung Lavoisiers: „Sie brauchen nur einen Moment, um diesen Kopf abzuschlagen, aber es dauert vielleicht hundert Jahre, bis ein ähnlicher wieder nachwachsen wird.“